1939

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Altena
Breslau
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Zu Besuch in Breslau 1939

Ende August 1939 wollte mein Vater mich, seinen ältesten Sohn, in Breslau vorstellen. Ich war inzwischen schon vier Jahre alt und hatte meine Großeltern und die Verwandtschaft väterlicherseits noch nicht kennengelernt. Da gab es Cousins und Cousinen und Onkel und Tanten en Mass. Wir fuhren mit dem Zug, und meine Mutter und die Geschwister blieben in Altena. Als wir in Breslau ankamen, hatten sich die Erwachsenen natürlich viel zu erzählen und ich wurde begutachtet und als gesund und kräftig erklärt. Wir Kinder, Cousins, Cousinen und ich, tobten inzwischen in der Werkstatt meines Onkels umher. Da gab es Hämmer und Nägel und Zangen und allerlei Maschinen und einen Amboß, und der fiel mir beimSpielen auf das Bein. Am ersten Tag unseres Besuches brach ich mir das linke Wadenbein. Natürlich gab es große Aufregung. Ich musste ins Krankenhaus und man verpasste mir dort einen Gehgips. Am nächsten Tag begann der Krieg gegen Polen und mein Vater musste sich sofort bei seiner Einheit melden. Die Züge waren für den zivilen Verkehr gesperrt. Oma und Opa waren mir noch fremd, hatte ich sie doch am Tage vorher zum ersten Mal gesehen. Ich blieb allein zurück in der Fremde. Mich erfaßte das große Heimweh und das große Heulen.
Natürlich wurde ich verwöhnt und alle versuchten mich abzulenken. In den ersten Tagen hütete ich das Bett und durfte das Gipsbein noch nicht belasten. Oma ging jeden morgen in die Frühmesse und gab mir dann ihre Geldmünzen, die sie in einem Strumpf im Bett versteckt hatte, zum Spielen. Für Opa war das die Zeit, sich seinen morgendlichen Kraftdrink zu mischen. Er holte sich dafür ein frisch gelegtes Ei aus dem Hühnernest, (die Hühner liefen frei auf dem Hof herum,)er schlug es in eine große Tasse und ergänzte es mit Rotwein. Dann wurde noch ein Teelöffel Zucker zugegeben und das Ganze umgerührt und genüßlich getrunken.
Wenige Tage später durfte ich dann schon aufstehen. Meine Großmutter ließ mich allerdings keine fünf Minuten aus den Augen. Jeden Tag ging sie mit mir über die Felder und sammelte in ihrer großen Schürze Kräuter. So lernte ich früh Huflattich, Schaafgarbe, Johanneskraut und Pfefferminze kennen. Das abendliche warme Fußbad war recht angenehm. Was mir aber gar nicht schmeckte war der Tee, den sie aus den Kräutern kochte und für den es der Zähne wegen keinen Zucker gab. Morgens nahm sie mich anfangs mit in die Kirche, wo ich neben ihr sitzen oder knien musste. Nachdem ich jedoch dann regelmäßig ausbüxte und über Tisch und Bänke sprang und damit die Gläubigen in der Andacht störte, ließ sie mich morgens wieder zu Hause beim Opa. Oma hatte die Hosen an ,wie man so schön sagt und Opa war ein kleiner Mann. Später hat man mir mal erzählt, daß er ja eigentlich um die Hand ihrer jüngeren Schwester angehalten hatte, da Oma aber älter und noch nicht unter der Haube war, musste er sie heiraten. So waren damals die Zeiten.
Beide hatten einen Kramladen, in dem man vom Salzhering bis zum Nagel so ziemlich alles kaufen konnte. Ganz stark erinnere ich mich noch an meinen jüngsten Onkel der mit einem Motorrad an seine Arbeit fuhr. Wenn er abends nach Hause kam, wartete ich schon sehnsüchtig auf ihn. Ich durfte dann immer das kurze Stück in den Hof hinein vorne auf dem Tank mitfahren. Erinnern kann ich mich auch noch lebhaft an den Goldfischteich einer anderen Tante. Oma hatte immer Angst ich könnte darin ertrinken. Oder an das Erntedankfest, als ich mit meinen Cousinen zusammen vor dem Allerheiligsten laufend Blumen streuen durfte, die wir vorher in der Flur in einem Korb gesammelt hatten.
Am schönsten war es immer abends ,wenn ich ins Bett sollte. Ich versteckte mich dann hinter dem Haus und wenn mich die Oma entdeckte, rannte sie hinter mir her um mich einzufangen. So vergingen Tage und Wochen, und ich fühlte mich immer besser. Der Krieg gegen Polen ging dem Ende zu, Die Verhältnisse normalisierten sich wieder und dann fuhr ich wieder nach Altena zu Vater und Mutter. Mein Vater hatte nicht am Krieg teilnehmen müssen.