1945

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Die Amis
Kriegende

Die Amis kommen

Kurz vor Ostern standen die Amerikaner vor Hofgeismar. Sie kamen aus westlicher Richtung, von Liebenau, Ostheim her.
Die Stadt war voller Soldaten, Vor allem Waffen SS. Der Volksturm, alte Männer und Hitlerjungen, hatten Panzersperren gebaut und sollten diese nutz- und sinnlosen Hindernisse auch verteidigen. Ein Junge aus unserer Straße, Edwin, knapp vierzehn Jahre alt war ganz begierig darauf, und als die Alten, alles ehemalige Soldaten aus dem ersten Weltkrieg den Lausert, wie sie ihn nannten, nach Hause jagten, hatten sie noch Schwierigkeiten. Das nannte man Wehrzersetzung.
Die Sirenen heulten Vollalarm, von weitem konnte man das Klirren von Panzerketten hören, ein Aufklärungsflugzeug, ein Fieseler Storch wie wir es fälschlich nannten , kreiste am Himmel, man hörte einige Kanonen und Gewehrschüsse und dann war wieder Ruhe.
Im Konsum gab es auf bestimmte Kartenabschnitte ranzige Butter und Zucker und Mehl. Die Mädchen mußten anstehen und versuchen etwas davon zu ergattern.
Am nächsten Tag das gleiche, Panzergeräusche, Schüsse, und dann wurde gesagt, die Amis hätten gedroht, mit den Flugzeugen die Stadt zu bombardieren und dem Erdboden gleich zu machen, sollte sie weiterhin Widerstand leisten.
Am 5. April 1945 war es dann soweit. Wir saßen im Keller des steinernen Hauses auf Strohbündeln oder Stühlen, ca. 25 bis 30 Personen, vor allem Frauen und Kinder. Eine Frau lag in den Wehen und stöhnte hin und wieder vor Schmerzen. Unser Großvater war nicht mitgekommen. Er blieb im Haus trotz vielem Drängen seiner Töchter, doch mit in den Keller zu kommen. Glaubt mir, ich kenne den Ablauf vom 1. Weltkrieg her war seine Antwort.
Draußen hörte man Kanonen- und Maschinengewehrfeuer, Fahrzeuge rasten durch die Straße, Männer mit Nagelschuhen rannten vorbei und wieder Schüsse und dann Ruhe. Minutenlang, fast wie eine Ewigkeit. Plötzlich wurde die Holztür zum Keller aufgerissen. Oben stand ein Neger, der erste den ich zu sehen bekam, eine MP im Anschlag. Wir hatten ihn gar nicht kommen hören. Die Erwachsenen im Keller schrien alle: Zivil, Zivil, Zivil. Der Ehemann der Frau, die in den Wehen lag, begann ein Gespräch mit dem Soldaten, andere Soldaten kamen auf ihren leisen Gummisohlen in den Keller und sahen sich jeden genau an. Nach einer Weile fuhr oben ein Auto vor. Noch mehr Soldaten kamen mit einer Trage in den Keller, die Frau wurde heraus getragen und dann fuhr das Auto fort. Es war ein Sanitätsauto mit dem Zeichen des Roten Kreuzes an der Seite. Wir durften alle den Keller verlassen. Die Erleichterung war groß und draußen gab es ein lautes Pallaver.
Ich nutzte den Augenblick, nahme meinen Bruder an der Hand und ging mit ihm gleich um die Ecke herum in die Entengasse auf Entdeckungsreise. Hinter einer hohen Steintreppe stand ein verlassenes MG. Wir sammelten die leeren Patronenhülsen auf bis die Taschen voll waren. Ein Bauernhaus im Loggenhagen brannte und die Menschen die am Löschen waren jagten uns fort. Wir waren wohl im Wege. Über den Graben gelangten wir zur Post. Überall standen die Leute in Gruppen zusammen und diskutierten. Auf der „Neuen Straße“ , einer breiten bergauf führenden Straße stand ein Armee Fahrzeug hinter dem anderen. Es waren die Amis. Überall liefen Kinder herum und die Soldaten warfen Apfelsinen, Bananen und Bonbons und Kaugummi und dünne Tafeln Schokolade, in braunes Papier gewickelt, heraus und wir stürzten uns darauf. Die leeren Patronenhülsen wurden fortgeworfen und die Hosentaschen vollgestopft mit Süßigkeiten. Zum Schluß ergatterte ich einen Pappkarton mit Karamellen. Wir knöpften die Hemden auf und stopften soviel hinein wie wir nur konnten. Ein Soldat hatte einen großen Kasten vor den Augen mit einer Kurbel daran und filmte das wilde Durcheinander. Stolz auf unsere Errungenschaften machten wir uns auf den Heimweg, unterwegs aßen wir fortwährend von den Süßigkeiten. Als wir etwa 1,5 Stunden nach Beginn unseres Ausfluges über den Petriplatz in die Apothekenstraße einliefen, war alles Menschenleer. Oben an der Krewuzung zur Entenstraße standen mehrere amerikanische Soldaten, schrien laut etwas, was wir nicht verstanden, und schossen in die Luft. Wir wußten nicht was los war, bis uns ein Mann in einen Hausflur hineinzog. Deutsche Soldaten sollten sich in der Straße in einem Keller versteckt haben, und wurden von den Amis gesucht. Deshalb durfte niemand auf die Straße gehen oder aus dem Fenster sehen. Nach einer halben Stunde etwa schickten uns die Amerikaner nach Hause. Wir mußten so schnell laufen wie wir nur konnten. Unsere Angehörigen hatten inzwischen Große Angst um uns ausgestanden. Zwei lange Stunden waren wir vermißt. Uns zu suchen wurde ihnen verboten. Meine Mutter und Großvater haben fühlbar dafür gesorgt, daß vor allem ich dies Ereignis nie vergessen werde.
Was war inzwischen zu Hause geschehen? Als die Amis die Apothekenstraße herunterkamen hat Großvater schnell ein weißes Bettuch zum Fenster herausgehängt. Vorher war eine Granate durch unser und das Dach des dahinter liegenden Hause geflogen ohne zu explodieren. Ein Blindgänger. Beide Löcher im Dach konnten noch am gleichen Tag mit Ersatzziegeln, die auf dem Boden lagerten, repariert werden. Die Amis waren durch alle Räume und auch in den niedrigen Keller gegangen, ohne etwas mitzunehmen. Meine Mutter hatte aus Angst vor Dieben beide Türen unserer Wohnung im Nachbarhaus abgeschlossen. Beide Schlösser waren gewaltsam aufgebrochen worden und die Schränke und Betten durchwühlt. Es fehlte nichts außer dem Degen meines Vaters, der zur Dekoration an der Wand hing. Auf der Schwert Klinge waren die Worte: Blut und Ehre eingraviert.
Ab 18,00 Uhr durfte niemand mehr auf der Straße sein. Ausgehverbot. Da die aber alle hinten mit den Gärten aneinandergrenzten, konnten wir leicht über die Zäune von einem Haus zum anderen gelangen. In der ersten Nacht nach dem Einzug der Amerikaner übernachteten wir alle beim Opa. In seinem Garten hatten die Soldaten einen Granatwerfer postiert, der in unregelmäßigen Abständen die ganze Nacht über in den naheliegenden Westberg abgefeuert wurde, auf dort vermutete deutsche Soldaten. Zwischendurch saßen die Amis auf unserer Gartenbank unter dem Maulbeerbaum und rauchten und unterhielten sich in ihrer für uns fremden Sprache.