1942

1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 ab 1945 Impressum

Leipe
Leben in Leipe

Ein knappes Jahr in Polen 1942

Leipe war zu damaliger Zeit ein kleines Städtchen. Die Straßen unbefestigt, bei Regen matschig und staubig wenn es trocken war. An den Seiten gab es etwa 50 cm hohe gepflasterte Bürgersteige, so daß man wenigsten einigermaßen trockenen Fußes von einem Haus zum anderen gehen konnte. Wir wohnten am Anfang der Stadt. Durch ein schmiedeeisernes Tor gelang man auf einen schmalen Hof. Links stand ein kleines Häuschen, wahrscheinlich für einen Pförtner gedacht, in dem eine ältere Dame wohnte, die sich gern mit uns Kindern unterhielt, und uns mit Plätzchen und Kuchen verwöhnte besonders an Sonntagen und Feiertagen. Hieran grenzte ein einstöckiges Wohnhaus. Wir wohnten im ersten Stock. Unter uns wohnte eine andere Familie, die ebenfalls drei Kinder hatte. Diese waren jedoch zwischen zehn und fünfzehn Jahre alt, und schon zu alt, um mit uns Kleinen zu spielen. An das Wohnhaus grenzte ein weiteres, niedriges Gebäude. Im unteren Teil waren zwei Plumpskloos und mehrere Boxen untergebracht. Unterm Dach gab es eine Schreinerwerkstatt. Eine Holztreppe führte hinauf. Die Tür war jedoch verschlossen. In der Schreinerei wurde nicht mehr gearbeitet. Über ein kleines Vordach im Giebel gelangten wir durch ein Fenster hinein, obwohl es strengsten von den Eltern verboten war. Das alles war so geheimnisvoll, daß wir heimlich immer wieder hinaufkletterten, und dort spielten.
Im Haus selbst war keine Wasserleitung. Vor der Haustür befand sich ein etwa 4 m tiefer Brunnen. Die eiserne Pumpe fror in dem strengen Winter öfter ein. Ein Zinkeimer wurde dann an einen Strick gebunden mit der Öffnung nach unten in den Brunnenschacht geworfen. Schlug der Eimer mit dem Boden auf den Wasserspiegel auf, bekam man kein Wasser hinein. Meine Mutter hat oft vor Verzweiflung geweint, wenn es nicht klappen wollte und ihre Hände steif gefroren waren.
Den hinteren Teil des unbefestigten Hofes hatten mein Vater und Herr Gall, so hieß die Familie, die unter uns wohnte, umgegraben und Salat, Kohl usw. angebaut. Am liebsten waren uns die Erdbeeren.
Das Gelände schloß mit einem mannshohen dicht genagelten Bretterzaun ab. Dann folgte ein Grasweg und anschließend floß ein großer Bach, die Libianka.